HarmonyCare logo
Besondere Herausforderungen als Eltern mit Depression

In Deutschland sind knapp 30 % der Erwachsenen jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen. (1) Darunter sind viele Eltern. Um das Ausmaß besser nachvollziehen zu können, kann man sich ein Klassenzimmer einer Schülerstärke von 24 SchülerInnen vorstellen. Durchschnittlich ungefähr vier Kinder einer solchen Klasse wachsen in einer Familie mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf. Das bedeutet, Kinder mit psychisch kranken Eltern sind kein Einzelfall. (2)

Für die betroffenen Kinder hat dies ganz unterschiedliche Auswirkungen. Das kommt auf die Familie selbst, die vorhandenen Ressourcen und Bewältigungsstrategien der Eltern und das soziale Netz, in das die Familie eingebunden ist, an. Je weniger Ressourcen und Unterstützung in einem Familiensystem vorhanden sind, desto stärker sind in den meisten Fällen die Auswirkungen auf die Kinder. Das Risiko selbst im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung zu entwickeln, ist für betroffene Kinder um das vierfache erhöht. (2) Eine große Rolle scheint hierbei die Kommunikation mit den Kindern zu spielen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, Kinder würden Dinge, über die in der Familie nicht gesprochen wird, nicht mitbekommen und sie würden geschützt werden, in dem sie nicht einbezogen werden. Im Gegenteil bekommen solche „Familiengeheimnisse“ oft noch mehr Gewicht, in dem nicht über sie gesprochen wird. Sie werden zu der deutlich spürbaren und erdrückenden Last im Raum, die besonders für die Kinder äußerst unangenehm ist.

Kinder haben sehr feine Antennen für die Vorgänge in ihrer Familie. Sie spüren Veränderungen oft bereits bevor der Erwachsene es selbst registriert. Sie selbst sind besonders in jungen Jahren noch nicht in der Lage zu verbalisieren, was sie dort wahrnehmen, sind verunsichert, haben Angst und beziehen die Ursache der Veränderung oft auf sich. Das bedeutet, sie geben sich selbst die Schuld. Manche Kinder ziehen sich dann zurück, werden stiller, wollen den Eltern nicht zusätzlich zur Last fallen, machen sich nahezu unsichtbar und schämen sich ihrer selbst. Andere werden wütend und teilweise aggressiv, versuchen auf diese Art auf Missstände in der Familie aufmerksam zu machen und tragen ihre Verunsicherung lautstark nach außen. Wieder andere übernehmen gezwungener Maßen viele Aufgaben im Haushalt, passen vielleicht auf die Geschwister auf, erledigen Einkäufe oder Ähnliches, hören sich die Sorgen der Mutter oder des Vaters an und werden so in die Rolle eines Elternteils gedrängt. Sie nehmen oft auch sehr deutlich wahr, dass die Eltern sich schämen oder etwas zu verbergen versuchen und sprechen die Eltern deshalb nicht von sich aus an.

Hier ist es an den Eltern, die Verantwortung zu übernehmen und mit ihren Kindern zu sprechen, ihnen auf altersgerechte Weise zu erklären, was gerade in der Familie passiert, sie vor allem von der übernommenen Schuld zu entlasten und für Unterstützung für die Familie zu sorgen, damit die Kinder und sie selbst entlastet werden. Besonders für Familien, die das erste Mal mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert sind, ist dies nicht einfach, da sie selbst meist völlig verunsichert von ihren Symptomen und mit der eigenen Situation überfordert sind. Die eigene Unsicherheit und auch die Scham dann zu überwinden und zusätzlich noch die richtigen Worte zu finden, ist eine der Herausforderungen, mit denen psychisch erkrankte Mütter und Väter zu kämpfen haben. Da psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema sind und die Betroffenen oft Angst vor Stigmatisierung haben, ist es nicht einfach sich mit der eigenen Erkrankung sichtbar zu machen, auch wenn es nur vor dem eigenen Kind ist. An dieser Stelle setzt unser Buch „Tessa, die tapfere Schnecke“ an und möchte Eltern eine Hilfestellung an die Hand geben.

Anhand eines Märchens wird die Situation einer Familie mit einem an einer Depression erkrankten Vaters anschaulich dargestellt. Es wird deutlich, wie Kinder plötzlich in die Elternrolle rutschen, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben und wie beschwerlich ein Genesungsweg für das Elternteil sein kann. Das Märchen macht Hoffnung, zeigt besonders im sich anschließenden fachlichen Teil viele unterstützende Maßnahmen auf, die Betroffene selbst ergreifen können und kann so zu einem wertvollen Begleiter werden. Es bietet Eltern gute Anregungen, mit ihren Kindern ins Gespräch zu kommen, ermöglicht Parallelen zu ihrer eigenen Erkrankung zu ziehen und vor allem Worte für das so schwierig auszudrückende zu finden.

Doch nicht nur für betroffene Eltern ist „Tessa, die tapfere Schnecke“ ein empfehlenswertes Buch. Auch Angehörigen kann durch die Geschichte nähergebracht werden, wie es der oder dem Betroffenen geht und welche Auswirkungen die Erkrankung auf die gesamte Familie hat. Pädagogen können mit Hilfe des Buches psychische Erkrankungen im Unterricht thematisieren, es kann in der Schulsozialarbeit, in der Psychotherapie und überall dort wo mit Kindern und/oder Eltern gearbeitet wird, zum Einsatz kommen. Wir empfehlen es in der Arbeit mit Grundschulkindern. Kindergartenkinder können bei entsprechender Erklärung und Begleitung einen guten Eindruck über die Bilder erhalten.

Quellenangaben

  1. DGPPN

    https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/93a818859031c45661aa7f6d298d6fecc6de45e9/20230104_Factsheet_Kennzahlen.pdf

  2. Koller, L., Hansbauer, M. Kinder psychisch erkrankter Eltern.InFo Neurologie24, 38–45 (2022)
partner